Home | Sitemap

  
Kooperationen und Genossenschaften Erfolgreiche Gründungen Ideen und Konzepte Beratung und Kontakt Aktuelles und Termine
 
Aktuelles & Termine
Die interaktive CD

Bestellen Sie hier die interaktive CD "Genossenschaften Gründen"

In Marktoberdorf im Allgäu übernimmt eine Genossenschaft die Versorgung mit Heizwärme

Eine Kommune erwärmt sich

Es gleicht einer Berg- und Talfahrt: Eine Kurve, die die Preisentwicklung von Rohöl in  den letzten beiden Jahren nachzeichnet, ist ein Gang durch die Extreme. Von   Höchstpreisen wie im Juli 2008 bis zu Abstürzen wie im vergangenen Herbst. Tendenziell wird der fossile Brennstoff jedoch stetig teurer. Bemerkbar macht sich das nicht nur an den Tankstellen, sondern auch bei der Heizöllieferung. Alternative  Heizmethoden sind immer gefragter. Ein Beispiel dafür ist die Kreisstadt Marktoberdorf im Allgäu. Wenn es nach diesem Sommer wieder kalt werden wird, soll Fernwärme öffentliche und private Gebäude beheizen. Dafür sorgt eine Genossenschaft: die Fernwärmegenossenschaft Marktoberdorf. Diese produziert die Wärme jedoch nicht selbst: Das erledigt eine weitere Genossenschaft, die Futtertrocknung Ruderatshofen. 

 


 

                                                                                              Bauarbeiten auf Hochtouren
Sie verfügt über eine Trocknungsanlage, mit deren Restwärme sie auch den  Traktorenhersteller Agco Fendt versorgt. Beide eGs sind Mitglied des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB). „Die Trocknungsgenossenschaft hatte aber beim Neubau ihrer Anlage schon die Stadt als Abnehmer mit in Betracht gezogen“, berichtet Carl Singer, Stadtrat und Mitinitiator der Marktoberdorfer Genossenschaft. „Das war ein ganz schönes unternehmerisches Risiko“, sagt er rückblickend.
Idee für eine Genossenschaft
Im Stadtrat gab es daher immer wieder Diskussionen, ob das Fernwärmeangebot genutzt werden soll und wer die Versorgung übernimmt. Die Stadtverwaltung sei wegen  des zusätzlichen Verwaltungsaufwands zunächst nicht sehr begeistert von der Idee gewesen, erzählt Singer. So kam die Idee einer halb privatwirtschaftlichen Lösung ins  Spiel. „Wir haben uns gedacht, wenn die Fernwärme von einer Genossenschaft kommt, könnte eine solche auch das Heizmittel vertreiben“, sagt Singer. Der Einfall einer genossenschaftlichen Unternehmensstruktur kam ihm während eines Gesprächs mit Vorstandsmitglied Hermann Starnecker von der VR Bank Kaufbeuren-Ostallgäu. Der Kommunalpolitiker war von Anfang an überzeugt vom Konzept, die Energieversorgung Marktoberdorfs zu einem Teil selbst in die Hand zu nehmen. „Mich hat die Idee fasziniert, unabhängig von Großkonzernen zu sein und sich selbst mit Heizwärme versorgen zu können“, sagt Singer. Man sei kaum von Preisschwankungen betroffen und könne mittels der Rechtsform auf die Geschäftsvorgänge Einfluss nehmen.
Ideale Mischung
Das Stadtratsmitglied sieht in der Betreiberform der Genossenschaft die ideale Mischform zwischen kommunalem und privatem Unternehmen. Würde die Fernwärme von der Stadt Marktoberdorf bereitgestellt, wäre dieser Teil der Energieversorgung zwar in öffentlicher Hand, wie das viele Bürger wünschen. Doch gleichzeitig wäre damit auch unweigerlich immenser Verwaltungsaufwand verbunden, ist Singer überzeugt. Zudem würde ein solches Projekt die Kommune mehrere Millionen kosten, würde sie es selbst auf die Beine stellen. Eine GmbH wiederum habe zwar schnellere Entscheidungswege,  arbeite dafür aber profitorientiert und weniger am Nutzen der Beteiligten orientiert, erklärt er. „Genau diesen Widerspruch lösen wir durch unsere Genossenschaft auf.“
Besonderer Aufbau
Korrekterweise muss man allerdings von „Genossenschaften“ sprechen: Eine Bürger eG sammelt das Kapital zur Finanzierung, eine Nutzer eG kümmert sich um die Versorgung der Mitglieder. Beide haben sich mit der Stadt Marktoberdorf zu einer Zentral eG, der Fernwärmegenossenschaft Marktoberdorf eG, zusammengeschlossen.
Der Vorteil dieser Konstruktion ist, dass sie steuerlich am günstigsten ist: „Weil die Trocknungsgenossenschaft steuerbefreit ist und ihre Gewinnausschüttungen zu 40 Prozent steuerfrei sind, ergibt sich eine geringere Last als bei anderen Rechtsformen“, erklärt Konrad Bobinger, der beim GVB die Abteilung Steuerberatung leitet. Aufseiten der Nutzer eG sei die steuerliche Situation noch günstiger, fügt der Steuerberater hinzu. „Dadurch dass die Betreibergenossenschaft ihren Überschuss als steuerliche Betriebsausgabe behandeln darf, entfällt die Besteuerung in der Genossenschaft. Die verteilten Überschüsse fließen beim Mitglied in den steuerfreien Privatbereich, sodass dieses vom Finanzamt deswegen nicht zur Kasse gebeten wird“, erklärt Bobinger. Hinzu käme noch die Umsatzsteuer, die beim Wärmebezieher verbleibt.
Individuelle Mitbestimmung
Die steuerlichen Aspekte und die Konstruktion mit drei Genossenschaften mögen auf den ersten Blick etwas kompliziert erscheinen. „Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die verblüffende Einfachheit des Modells“, sagt Klaus A. Hein, der Leiter der GVB-Gründungsabteilung für Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften. Die Marktoberdorfer könnten selbst etwas für ihre Stadt tun, indem sie über die Bürger eG Kapital für das Projekt zur Verfügung stellen. „Die Einwohner sind nicht nur bei der Finanzierung eingebunden, sondern beteiligen sich über die Bürgergenossenschaft auch an den Entscheidungsprozessen der Zentralgenossenschaft“, erläutert Hein. Ihre Mitglieder sind die Stadt Marktoberdorf mit 60 Prozent Stimmenanteil sowie die Bürger eG und die Nutzer eG mit jeweils 20 Prozent. „Trotz der drei beteiligten Genossenschaften tritt das Unternehmen einheitlich nach außen auf, weil die Vorstandsetagen eng verzahnt sind“, ergänzt der Abteilungsleiter. „Die Konstruktion bündelt gemeinsame Interessen unter einem Dach, voneinander abweichende Interessen bleiben selbstständig“, erläutert Steuerberater Bobinger. Der starke Anteil der Kommune gewährleiste die Sicherheit des Projekts und beschleunige die  Entscheidungsprozesse, ohne dass der Stadthaushalt belastet wird. Mit der ausgefeilten Konstruktion unter dem Dach der Zentralgenossenschaft, die, wie Bobinger sagt, „einen Halbsatz im Gesetz“ ausnutzt. So kann die Stadt mit ihrem Stimmanteil von 60 Prozent die öffentlichen Interessen wahren.
Modell für Kommunen
Die Beteiligung der Stadt gibt dem Projekt einen Modellcharakter, der als Vorbild für andere Kommunen dienen kann. „Eine ähnliche Problemkonstellation findet sich häufiger, es muss nur die Bereitschaft da sein, die genossenschaftliche Lösung zu realisieren“, so Bobinger. „Marktoberdorf kann ein Modell für andere sein“, findet auch sein Kollege Hein. „Für die Verbraucher hat das Projekt positive Auswirkungen, weil sie ihre Wärme billiger beziehen können als bei anderen Rechtsformen“, fügt er hinzu. Einige Stolpersteine auf dem Weg zur Gründung der Genossenschaften gab es dennoch. „Am Anfang war ich mir nicht  sicher, was dabei rauskommt“, erinnert sich Bobinger. „Im Stadtrat gab es Vorbehalte gegen die eG, vor allem, weil sich die Menschen zu wenig darunter vorstellen können“, blickt Hein zurück. Mithilfe von Carl Singer und anderen Initiatoren mussten die beiden Abteilungsleiter vor Ort Überzeugungsarbeit im Stadtrat leisten, damit er dem Projekt zustimmt. Singer glaubt, dass sich die Mühen gelohnt haben. Er ist der Meinung, dass diese Art von Bürgerunternehmen eine Zukunft hat. Es gebe Bereiche, die nicht unbedingt in kommunaler Verantwortung liegen müssen. „Ein Projekt wie das unsere kann durchaus Modell sein für mittlere und kleinere Kommunen“, so der Vorstandsvorsitzende der Bürger eG, „denn in so einem Rahmen weiß man, wer dahintersteckt und wen man ansprechen kann.“
Wachsendes Interesse
Diese Vorzüge wissen scheinbar auch die Bürger immer mehr zu schätzen. Je konkreter das Projekt werde, desto mehr steige das Interesse in der Bevölkerung, erklärt  Angelika Reichelt, Geschäftsführerin der Genossenschaft. „Mittlerweile haben wir eine Anschlussdichte von 70 Prozent.“ Das bedeutet, dass dieser Anteil von den am Trassenverlauf anliegenden Bewohnern bereits die Belieferung mit Fernwärme beantragt hat. Die Marktoberdorfer Energieversorger haben auch schon Anfragen von Interessenten bekommen, die außerhalb des momentanen Baugebiets liegen. „Wir planen daher zusätzliche Bauabschnitte, um weitere Gebiete zu erschließen und mit Fernwärme versorgen zu können“, sagt Reichelt. Wenn es in ein paar Monaten wieder kälter wird, dürfen sich die bisherigen Kunden schon freuen: Von Anfang Oktober an sorgt die Genossenschaft dafür, dass sich die heimischen vier Wände in behagliche Wohnstuben verwandeln oder die Besucher des Schwimmbads nicht zitternd aus dem Wasser kommen. Und keiner wird dabei mehr an den Ölverbrauch denken, geschweige denn, wie viel das kostet.                                Christoph Spöckner und Johannes Froschmeir
(Erschienen in "Profil" 8/2009)

 


01. September 2010
In Genossenschaften können Stromerzeuger gemeinsam verdienen.
27. August 2010
Bürger-Solar-Genossenschaft in Leopoldshöhe gegründet
26. August 2010
Genossenschaftliche Prinzipien in CSI-Solutions eG gelebt
11. August 2010
Naturkäserei TegernseerLand eG eröffnet am 18. September 2010