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Genossenschaft bietet neue Lösungsansätze für die Pflege

Ein Angebot an die Bürger der Stadt

 
Auf  den ersten Blick sieht die genossenschaftliche Idee, die in der WoGA Pfullendorf steckt, nicht gerade prickelnd aus. Die Mutter macht’s zu dritt mit zwei Töchtern. Aber die WoGA (Wohnen und Gesundheit im Alter) hat es in sich, die erste Genossenschaft für stationäre Pflege in Baden-Württemberg und die zweite in Deutschland. Was wir da machen, ist eine Revolution in der Konzeption von Pflegeeinrichtungen.“ Das sagt Ingrid Hastedt und strahlt dabei das ganze Selbstbewusstsein einer Organisation aus, die weiß, dass es auf Qualität ankommt und deshalb
 
immer wieder mit innovativen Weichenstellungen vorangegangen ist.  Ingrid Hastedt ist Vorstandsvorsitzende des Wohlfahrtswerks für Baden-Württemberg, einer Stiftung bürgerlichen Rechts, die zu den großen Dienstleistern für Senioren in Baden-Württemberg zählt und damit rund 60 Mio. Euro Umsatz macht. Mit etwa 1.200 hauptamtlichen Mitarbeitern werden rund 2.000 Senioren betreut. Das neue Konzept steht auf zwei Säulen Zusammen mit ihrem Vorstandskollegen Thomas Göbel hat sich Ingrid Hastedt überlegt, in Pfullendorf ein neuartiges Pflegeheimkonzept umzusetzen: die Pflege im Rahmen von Wohngemeinschaften und ihre Ergänzung durch „Alltagsbegleiter“. Und sie hat eine innovative Form für die Organisation gefunden: die eingetragene Genossenschaft. „Die Idee kam uns plötzlich so, aus heiterem Himmel, auf der Rückfahrt von Pfullendorf, wo wir uns über die Möglichkeiten eines neuen Standortes informiert hatten“, erzählt sie und lacht. Die Gemeinsamkeiten in den Werten Schnell war klar, dass die Unternehmenskultur im Wohlfahrtswerk und die genossenschaftliche Idee eine große Schnittmenge haben. „Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe, das war der Auftrag unserer Gründerin Königin Katharina vor 190 Jahren“, zeigt sich Ingrid Hastedt geschichtsbewusst. „Wir wollen nachhaltige Angebote schaffen, eine Stiftung ist auf Ewigkeit ausgerichtet“, unterstreicht sie. Dabei sei das Wohlfahrtswerk immer dem Gemeinwesen verpflichtet gewesen, pflege die Beziehungen zu den Kommunen und begreife die Arbeit mit Ehrenamtlichen als Teil der Unternehmenskultur. „Die Genossenschaft passt zu unserem Anliegen“, ist Ingrid Hastedt überzeugt. Sie habe über die Mitglieder aus einer Region einen Gemeinwesenbezug und leiste Hilfe zur Selbsthilfe, gebe Bürgern die Möglichkeit, sich direkt für Bürger zu engagieren – ohne den Umweg über die Kommune. Am 30. Dezember 2008 wurde die Genossenschaft ins Register eingetragen. Der Pflegemarkt hat sich verändert. Dass das Wohlfahrtswerk über neue Organisationsformen nachgedacht hat, war auch die Folge von Marktentwicklungen, zu denen Ingrid Hastedt auf fühlbarer Distanz steht. Die Einführung der Pflegeversicherung Mitte der 90er habe die Pflege zu einem „Markt“ gemacht, erzählt sie. Projektentwickler, große aus dem In- und Ausland wie auch kleine vor Ort, haben erkannt, dass über die Pflegeversicherung Nachfrage entsteht und Renditechancen für sich gesehen. Dies habe zu einer zum Teil starken Übersättigung mit Pflegeplätzen geführt. Parallel haben sich die Kommunen aus dieser Aufgabe zurückgezogen und sie den Marktkräften überlassen. Eine ganz neue Branche ist entstanden; Pflegeheime werden seitdem gekauft und wieder verkauft. Man könne nicht darauf vertrauen, dass solche Geldgeber langfristig investiert bleiben. Das Wohlfahrtswerk habe diesen Expansionstrend nicht mitgemacht, auch im Unterschied zu anderen gemeinnützigen Trägern, und entwickle mit Pfullendorf den ersten neuen Standort nach zehn Jahren. „Wir haben in dieser Zeit an unseren Konzepten und an unserer Qualität gearbeitet.“ Neben der Verwandtschaft im Denken bedeutet die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft für das Wohlfahrtswerk auch eine neue Form der Finanzierung, nachdem sich die Kommunen als Geldgeber zurückgezogen haben. „Wir haben neue Partner gesucht, die Zuverlässigkeit für Jahrzehnte geben, eine Heuschreckenmentalität passt nicht zur Pflege“, unterstreicht Ingrid Hastedt. Eine Genossenschaft in drei Entwicklungsstufen Daraus ist das Dreistufen-Modell einer Genossenschaft entstanden, Dank der Novelle des Genossenschaftsgesetzes von 2006. In der ersten Stufe sitzen nur die drei Gründungsmitglieder im Boot, das Wohlfahrtswerk und zwei seiner Töchter, darunter die Wohlfahrtswerk Altenhilfe gGmbH, die alle Standorte betreibt und auch das neue Pflegeheim in Pfullendorf organisieren wird. In der zweiten Phase treten Akteure in die Genossenschaft ein, die in dem Haus untergebracht sind: eine Arztpraxis, Gesundheitsdienstleister sowie Mieter der Ladenflächen. Zudem haben die am Bau Beteiligten ihr Engagement zugesagt. In dieser Phase liegt eine Unternehmergenossenschaft vor. Die dritte Stufe – ab Herbst 2009 – wird genossenschaftspolitisch die spannende: Die WoGA lädt die Bürgerinnen und Bürger von Pfullendorf ein, Mitglied der Genossenschaft zu werden. Ingrid Hastedt lacht und schüttelt den Kopf. Nein, Angst vor dieser Machtverschiebung hat sie gar nicht. „Wir wollen uns in die Karten schauen lassen, uns ist an der Qualität unserer Dienstleistung gelegen. Es ist ein Angebot an die Bürger der Stadt, mitgestalten zu können, Verantwortung übernehmen zu können.“ Sie will damit auch die Kommunen wieder an die Verantwortung für die Pflege heranführen. „Wir schaffen hier einen Lösungsansatz für politisch Verantwortliche, der neue Perspektiven bietet.“ Auch Thomas Göbel bekräftigt: „Das soll so sein. Es ist ja eine Genossenschaft für Pfullendorf.“ Eine Investition von 6 Mio. Euro Immerhin: Es geht um eine Investition von 6 Mio. Euro; am 27. März wurde in Pfullendorf Grundsteinlegung gefeiert. Die Gespräche mit den Banken waren nicht einfach, erzählt Thomas Göbel. Die Verunsicherung an den Finanzmärkten fiel zusammen mit dem Sichtbarwerden von Überkapazitäten im Pflegebereich. Das hat die Risikoeinstufung der Genossenschaft verschlechtert und dazu geführt, dass das Wohlfahrtswerk mehr Eigenkapital in die Hand nehmen und als Geschäftsguthaben einbringen musste als ursprünglich geplant – eine Million Euro. „Diese Mittel kommen aus den freien Rücklagen des Wohlfahrtswerkes, die uns für Investitionen in Neues zur Verfügung stehen.“ Als Verzinsung erwartet das Wohlfahrtswerk nur einen Inflationsausgleich. Auch die Risiken des Betriebes liegen nicht bei der Genossenschaft, sondern bei der Tochter des Wohlfahrtswerkes, die das Pflegeheim betreibt und einen Pachtvertrag über 20 Jahre abgeschlossen hat. Wohngemeinschaften und Alltagsbegleiter Die neuartige Pflege-Konzeption, die mit der WoGA Pfullendorf umgesetzt wird, ist aus einem Experiment in Fellbach entwickelt worden. Dort war vor neun Jahren eine der bundesweit ersten ambulanten Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige entstanden. „Wir wollen den Menschen die Schwellenangst nehmen, die sie vor Pflegeheimen haben, vor Institutionen, die Regeln ausstrahlen und dadurch beengen“, betont Ingrid Hastedt. Deshalb werden in Pfullendorf Pflege und Alltag strikt getrennt sein, die Bewohner sollen ein möglichst "normales“ Leben führen. Im neuen Wohn- und Pflegezentrum gibt es abgeschlossene Wohnungen für jeweils 14 Bewohner, von denen jeder sein eigenes Zimmer hat, dazu kommen gemeinschaftlich Wohnzimmer, Küche und Essbereich. Und jeder Besucher hat zu läuten, wenn er kommt, wie es sich für eine richtige Wohnung gehört, das gilt auch für das zentrale Pflegeteam und die Alltagsbegleiter. Die Alltagsbegleiter sind ein weiterer Teil dieser Innovation. Sie sind (fast) rund um die Uhr die Ansprechpartner der Bewohner für das Alltagsleben. „Das ist ein viel besseres Wohnkonzept für Senioren“, zeigt sich Ingrid Hastedt sicher. „Innovationen im sozialen Bereich sind unser Auftrag“, bekräftigt die Vorstandsvorsitzende, die seit 13 Jahren in der Verantwortung im Wohlfahrtswerk steht, und blickt mit Stolz auf die Leistungen der Stiftung zurück: 1957 wurde erstmals Altenund Pflegeheim zusammengebracht, „eine Pilgerstätte für ganz Europa“, 1981 wurde die Tagespflege für Senioren initiiert, 1987 war das Wohlfahrtswerk Vorreiter beim betreuten Wohnen, bereits Ende der 90er legte man einen Schwerpunkt bei der Betreuung von Demenzkranken. Eine Geschichte, die noch manche Pflege-Genossenschaft erwarten lässt. Im Frühjahr 2010 nimmt das Haus in Pfullendorf seine Arbeit auf, die Schulung der Alltagsbegleiter hat bereits begonnen. 
                                                                                                       Reinhard Bock-Müller
(Lesen Sie mehr in GenoGraph 7/2009)                                           

 


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