Erkrath. Vorne drauf steht „Lesezirkel“ und sie liegen beim Friseur und beim Zahnarzt: jene bunten Blätter, die angeblich niemand liest, aber auch die wichtigen Wochenzeitschriften wie „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“. Und wie kommen die Illustrierten dahin? „Lesezirkel – ja, das machen unsere Mitglieder auch“, sagt Rainer Krüger, Vorstand der Transport Union eG: „Aber wir machen noch viel mehr, fahren für Grossisten, für Kioske und Bahnhofshändler. Denn da, wo die Speditionen und Versender sagen, das sei ihnen zu wenig Volumen und zu viel Aufwand – das machen wir. Mikrologistik eben.“ Das in diesem kleinteiligen Segment eines globalisierten und deshalb natürlich milliardenschweren Wirtschaftszweiges die Gründung einer Genossenschaft sinnvoll sein könnte, das haben sich Rainer Krüger und seine Mitstreiter lange durch den Kopf gehen lassen: „Im Transportgewerbe ist die Kapitaldecke selbst in guten Zeiten sehr dünn. Und wegen des harten Wettbewerbs ist es sehr schwer, an Aufträge heranzukommen, bei denen etwas beim Unternehmer hängen bleibt. Weil wir aber alle selber fahren, hat sich das trotzdem lange Zeit gerechnet“, sagt der 52-Jährige. Das kleine Büro der eG, die sich mit vielen anderen Start-up-Projekten in einem Gründungszentrum eingemietet hat, ist einfach und schlicht. Auch Vorstand Krüger ist eher zurückhaltend, schmückt seine Erinnerungen an den Weg von der Idee zur Umsetzung an keiner Stelle aus. Dabei könnte er. Zum Beispiel, wenn er von dem Grund erzählt, der die einst heile Welt der Mikrologistiker hat einstürzen lassen. Doch auch hier bleibt er ruhig: „Eigentlich gab es schon immer gute Gründe, sich mit den Kollegen der Branche zusammenzutun. Der Wichtigste: Fällt einer von uns mal aus, weil er krank geworden ist, oder will einer mal Urlaub machen, bringt das dem Kunden sofort große Probleme. Denn Mitarbeiter haben wir ja meistens keine. So eine Genossenschaft könnte also die Aufträge für alle verwalten und bei Bedarf für einen Ersatzfahrer sorgen.“ Und der Bedarf sei schon immer da gewesen: 15 Jahre habe er damals keinen Urlaub gemacht, erzählt Krüger, weil er schlechte Erfahrungen mit Aushilfsfahrern gemacht hatte. Geschichten, wie diese, würden viele erzählt im Kollegenkreis. Weil dieser aber auch die härtesten Wettbewerber bilde, fiel es wohl manchem schwer, die einzig sinnvolle Konsequenz zu ziehen: gemeinsam agieren, gemeinsam planen, gegenseitig stützen. Doch Solidarität und Selbstorganisation blieben zunächst Fremdwörter. „Bis dann ein großer Kunde von uns und vielen anderen Kleintransporteuren angefangen hat, den einen gegen den anderen auszuspielen“, berichtet Krüger. Die Konsequenz hieß zunächst für alle: mehr Arbeit, weniger Geld. Letztendlich aber fanden acht Mikrologistiker zusammen, gründeten im August in Erkrath ihre Genossenschaft, akquirieren und organisieren seitdem gemeinsam Aufträge, ermöglichen freie Tage und Urlaub, sorgen für zuverlässigen Ersatz im Krankheitsfall. Und zwar ohne die Angst für den Einzelnen, den Kunden zu verlieren. Und vor allem mit mittlerweile wieder auskömmlichen Margen und vernünftigen Zahlungszielen. „Das neue Genossenschaftsgesetz war für uns wie gemacht“, so das einzige Vorstandsmitglied der Transport Union. So wenig Aufwand wie nötig, so viel Mitgliedernutzen wie möglich – das sei die Devise gewesen: „Unser Ziel ist es, in der Region die Mikrologistik- Unternehmer zu erreichen. Mehr als 20 wollen wir nicht werden. Sonst werden die Wege zu lang.“
Ralf Bröker
RWGV-Pressebüro Rhein-Ruhr
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