Ein lautes schluchzendes Jammern reißt die Eltern am frühen Sonntagmorgen aus dem Schlaf. Das Weinen kommt aus dem Kinderzimmer nebenan. Die jüngste Tochter liegt im Bett und klagt über stechende Bauschmerzen. Weder Wärmflasche noch Kamillentee helfen. Die Eltern müssen mit dem Kind zum Doktor – und das am Sonntag, wenn die Praxis geschlossen hat. Wenn die Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann, leistet die Ärztegenossenschaft Hersbruck Abhilfe.
Die Mediziner, die dort Mitglied sind, haben einen Ärztlichen Notdienst gegründet. Egal, ob Durchfall, Insektenstich oder Reizhusten: Die Ärzte betreuen Patienten, die außerhalb der Praxisöffnungszeiten auf medizinische Hilfe angewiesen sind.
Im Krankenhaus der mittelfränkischen Kleinstadt versorgen 48 Haus- und Fachärzte die Bürger aus dem Hersbrucker Land. Sie wollen damit die medizinische Betreuung vor Ort sicher. Gebietsweise hatte es Schwierigkeiten gegeben, den bestehenden Bereitschaftsdienst aufrecht zu erhalten. Daher riefen die Mediziner vor fast einem Jahr die Ärztegenossenschaft Hersbruck ins Leben. Der Vorteil: Es gibt eine zentrale Anlaufstelle, an die sich Ratsuchende wenden können. Das sei im Sinne der Kassenärztlichen Vereinigung, die eine Zentralisierung bei den Bereitschaftsdiensten begrüße, erklärt Michael Lehmann, Allgemeinarzt und Vorstand der Genossenschaft. Wer den ärztlichen Notdienst bisher in Anspruch nehmen wollte, musste sich zuerst erkundigen, wo dieser aktuell überhaupt angeboten wird. Nun weiß der Patient von vorneherein, wann er sich wohin wenden kann. Für manchen werde der Weg zwar länger, so Lehmann, dafür sei die Behandlung umfassender, weil das Krankenhaus mit seiner Infrastruktur, zum Beispiel Labor und Intensivstation, zur Verfügung steht. Für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, gibt es einen Hausbesuchsdienst. Dieser kümmert sich um Bettlägerige.
Ansonsten können die Patienten wie bei einer normalen Praxis ganz nach Bedarf erscheinen. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. „Unsere Dienstleistung ist eine Entlastung und ein zusätzlicher Service für das Krankenhaus“, sagt Lehmann. Und durch die Zusammenarbeit mit der örtlichen Klinik in Hersbruck stehen bei schwierigen Fällen die Internisten und Chirurgen des Hauses bereit. Lebensbedrohliche Situationen bei Patienten sind für die Ärzte im Bereitschaftsdienst allerdings selten.
Im Durchschnitt besuchen etwa 50 Patienten pro Woche die Praxis. Etwas weniger, als die Ärzte ursprünglich erwartet hatten. „Wir dachten, da kommen mehr Leute. Aber die Genossenschaft kann ihre Kosten decken, in dieser Hinsicht gibt es keine Probleme“, sagt Lehmann, „und statistisch kommen jetzt mehr Patienten zum Notdienst als vor der Einführung der Bereitschaftspraxis.“ Die Rechtsform der eG hätten die Mediziner gewählt, um im ambulanten Gesundheitssektor regional eine starke Position nach außen hin einzunehmen. Dies betreffe beispielsweise Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen. Angesichts der Umbrüche und Kürzungen im deutschen Gesundheitssystem sei es für Ärzte wichtig, sich selbst zu organisieren. „Was früher die Kassenärztliche Vereinigung als Standesorganisation geleistet hat, das können wir bald in Form der Genossenschaft“, erklärt der Vorstand. Diese biete jetzt schon Vorteile beim Einkauf von Dienstleistungen, zum Beispiel Girokonten und Geräteprüfungen. Für die Zukunft plant die Genossenschaft auch, ein regionales Ärztenetz aufzubauen. Vorrangig sei momentan aber, die drastischen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen zu bewältigen. Der Medizinerverbund will weiter die medizinische Betreuung in der Region sichern. Denn auch künftig soll kein Patient in der Kleinstadt an der Pegnitz darauf warten müssen, bis die Praxen montags wieder öffnen. if
(Erschienen in profil 3/2009)
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